Donnerstag, 27. April 2017

Bogotá, wohin denn bitte schön? (24.02.2017 - 01.03.2017; aktueller Standort: Guayaquil, Guayas)

In Zipaquirá liegt das erste Wunder von Kolumbien. Von den 7 Wundern bildete dieses den Beginn; unterirdisch (Kartenlink).

Nördlich der Hauptstadt Kolumbiens, Bogotá, befinden sich riesige Salzvorkommen. In Zipaquirá wurde schon immer Salz gewonnen und die Reserven dieses Salzstocks werden voraussichtlich noch weitere 500 Jahre reichen. Es gibt noch zahlreiche andere Stätten.
In einem alten Salzstollen wurde eine Kathedrale angelegt, die zur Anbetung der Schutzpatronen diente. Sie wurde über die Jahre erweitert und bietet heute 8.500 Menschen Platz! Sie ist 75 m lang und 18 m hoch und die einzige unterirdische Salzkathedrale weltweit. Selbst heute findet jeden Sonntag ein Gottesdienst in einer Seitenkapelle statt.
Dies war unser Ziel und wir wurden noch durch die Zufahrtsschranke gewunken. Wir hätten Zeit bis um 19 Uhr gehabt, wollten aber nicht in 2 Stunden durch den Ort rennen. Also fuhren wir hoch zum Busparkplatz und hofften, dass wir dort über Nacht stehen konnten. Uns wurde aber ein falscher Weg gewiesen und so endeten wir oberhalb der Kathedrale an einem Nobelrestaurant. Der Chefkellner stand gerade im Freien und ihr hättet das Gesicht von Nacho (sein Spitzname) sehen sollen. Trotz tristem kühlen Schmuddelwetter ging die Sonne auf. Er strahlte von Ohr zu Ohr und winkte hektisch wo wir parken sollten. Er wusste sofort Pancho richtig einzuordnen und lief ins Haus und kam mit Verstärkung zurück. Der Chef des Ladens, seine Gattin, der Bruder und weitere Angestellte. Noch nicht einmal ausgestiegen wussten wir bereits, dass wir dort goldrichtig waren. Selbstverständlich wurden wir aufgefordert über Nacht vor ihrem Haus zu stehen. Sie machten gerade Feierabend und hatten Zeit, viel Zeit und jedermann bekam seine Besichtigung in unserer Wohnung. Dann mussten wir mit ins Hotel/Restaurant und bekamen unsererseits die Originaleinrichtung gezeigt. Jegliches Objekt hatte schon mehr als 100 Jahre auf den Buckel. Mit Leder bezogene Tische, Holzlüster und ein übergroßes Steinbildnis vom Nationalhelden Simón Bolívar. Während wir staunten brachte Nacho eine angebrochene Flasche Rotwein und schenkte uns nach bis die Pulle leer war. Dann holte er gleich den nächsten Chilenen, entkorkte ihn und wir süffelten weiter; inzwischen breit grinsend. Endlich beteiligte sich noch jemand an der Flasche Rotwein und als diese leer war sollten wir noch Bier trinken. Wir lehnten dankend ab und verabschiedeten uns mit dem Versprechen am frühen Morgen der Einladung zum Frühstück zu folgen.
Der Sicherheitsdienst fragte uns während wir aßen, ob wir nicht nach unten fahren könnten. Würde ihm das Leben viel einfacher machen und so ließen wir ihn vor Pancho warten bis wir mit allem fertig waren. Dann wurde uns in der Nähe der Haupteinfahrt ein ebener Platz gezeigt und gleich noch die Sicherheitskameras. Auch in Kolumbien waren sie manchmal paranoid. Als hätte uns jemand nachts unter der Straßenlampe oben am Restaurant ausgeraubt...
Egal die Nacht war sehr ruhig und am Morgen brummten wir wieder schnell den Berg hoch. Dann bekamen wir Frühstück serviert und gingen Untertage.

Im nicht gerade billigen Eintrittspreis war eine Führung inbegriffen und die Dame zeigte uns in einer Stunde die Salzkathedrale. Obwohl auf englisch waren es wieder einmal viel zu viele Informationen. Um es einfach zu halten die Kathedrale war gigantisch in ihrer Dimension, aber auch sehr kitschig (verschiedene grelle Farben zum ausleuchten) und noch mehr kommerzialisiert. Jede Menge Souvenirs wurden angeboten, es gab 2 Cafés und ein Smaragdmuseum mit enormen Laden. Aber trotzdem, die Umgebung also komplett von grauweißem Salz umgeben zu sein und in den einzelnen Minenschächten die Seitenschiffe, Kapellen und das Hauptschiff einer Kathedrale zu haben war etwas Neues.
Danach, wir hatten kaum Hunger, aßen wir noch eine Kleinigkeit bei Nacho (Käse mit heißer Brombeersoße) und tranken eine heiße Schokolade. Um kurz vor 13 Uhr verabschiedeten wir uns und brachen ins 50 km entfernte Bogotá auf.





Nach nur wenigen Minuten erreichten wir die Randzone der Hauptstadt. Ab Straße Nr. 220 befanden wir uns ganz offiziell in Bogotá. Auf 3 Spuren rollte der zähfließende Verkehr Richtung Zentrum. Nach einer Stunde verkündete Simone triumphierend Calle No. 110 (Straße 110). Bei dem Gedanken, dass das Herz des Zentrums zwischen den Straßen 10 und 11 liegt rann uns ein Schauer über den Rücken. Der Verkehr wurde noch dichter, was den Fahrspaß weiter minderte.
Die Hauptstadt Kolumbiens liegt zwischen zwei Bergketten in einem Tal eingebettet und verläuft in Nord-Süd-Richtung. Bogotá liegt auf 2.600 Höhenmeter und es wird ihr ganzjähriges kühles und feuchtes Wetter nachgesagt. Rund 7,4 Millionen Einwohner zählt die Stadt und es ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Epizentrum des Landes (auch wenn Medellín dies sicher nicht so sieht). Die Stadt hat aber auch eine hohe Arbeitslosigkeit, kämpft gegen die Kriminalität und den Drogenhandel an und versinkt in seinem Müll.
Was wir Bogotá auch bescheinigen können ist, dass es keinerlei Parkmöglichkeiten für Lastwagen in der Innenstadt hat. Und der Begriff Innenstadt wurde von uns weitläufig interpretiert. Ab ca. Straße 110 hätten wir eine Parkmöglichkeit gefunden, was 45 Minuten per Expressbus bis ins Zentrum bedeutet hätte. Auf die Südseite des Zentrums begaben wir uns nie, denn dort beherrschten Holzbaracken und Wellblechverschläge das Bild. Oder die Menschen lebten direkt auf der vermüllten Straße. Dort, so wurde uns von mehreren Leuten berichtet, befindet sich die gefährlichste Straße Südamerikas. Konnten wir online nachschlagen und es stimmte, die Straße die nur wenige Blocks vom Zentrum entfernt lag wurde selbst von Sicherheitsbeamten gemieden. In ihr werden mehr Gewaltverbrechen verübt als sonst wo auf diesem Kontinent. Und das schönste, wir fuhren an ihr vorbei...
Aber nicht an diesem Tag. Wir kurvten den ganzen Nachmittag durch Bogotá und versuchten einen Parkplatz zu finden. Dabei lotste mich Simone wieder einmal so zentral, dass wir urplötzlich im Altstadtviertel standen, in dem nur Karren unter 3 Tonnen zugelassen waren. Die Gässchen waren winzig und nach zwei Mal links waren wir ohne Strafzettel wieder draußen (mehr sollten wir von diesem Viertel nicht sehen). Wir fuhren bis es dämmerte und parkten dann auf Höhe der 72. Straße vor einer Unifakultät im Finanzdistrikt. In Bogotá ist das parken auf der Straße stadtweit verboten. Die Ausnahme bildet das Wochenende und da Samstag Abend war, wählten wir diese etwas ruhigere dreispurige Straße. Gegenüber der Uni lag ein 24-Stunden Kopierladen und da ständig jemand sein Auto kurz vor oder hinter uns abstellte, um schnell etwas kopiert zu bekommen, dachten wir der Parkplatz sei ok. War er auch wie der Sicherheitsdienst der Uni uns zusicherte, aber am Montagmorgen mussten wir verschwinden. Vorweg die Nacht ab 23 Uhr bis frühs um 7 war wirklich ruhig und auch die Polizei störte sich nicht an uns. Wir waren total gerädert und hatten keine Lust zum kochen. So musste eine Pizza herhalten und während wir sie aßen fing es auf der Straße an zu schütten. Herzlich willkommen in Bogotá! Wir hatten 18 Grad und Regen und für einen Tag einen Parkplatz.


Sonntags sind die Museen in Kolumbien frei. So fuhren wir mit dem Bus ins Zentrum und schlenderten über den Plaza de Bolívar der von 4 Seiten vom Sitz des Kongresses (antiker griechischer Stil), dem Justizpalast (neumodischer schrecklicher Kasten), dem Rathaus (französischer Stil) und der Kathedrale (Neoklassizismus) eingesäumt war. Neben der Kathedrale fand sich noch Platz für eine kleine Kapelle im kolonialen Stil. Das Freunde ist Bogotá. Eine Mischung aus vielem, so viel das es nicht mehr schön war. Dazu der lärmende und stinkende Verkehr, den Smog und das bescheidene Wetter und so stellten wir uns die Frage warum waren wir hierher gekommen?
Richtig Museen. Wir besichtigten die älteste noch intakte Kirche der Hauptstadt. Die Inglesia de San Francisco war reich verziert aber sehr düster. Danach gingen wir ins Goldmuseum und verbrachten dort Stunden. Man sagt es sei wahrscheinlich das bedeutendste seiner Art weltweit und es war tatsächlich erstklassig. Zuerst wurden alle Grundlagen anschaulich erläutert (Vorkommen, Verarbeitung, Techniken, Reparatur, Verwendung, Gold zu Zeiten der Spanier, usw.) und dann wurden Goldstücke bzw. -funde zu fast jeder kolumbianischen indigenen Volksgruppe gezeigt. Dieses Goldmuseum wollten wir sehen und es hat sich für uns gelohnt. Eine Goldmaske von dort und wir könnten noch ein paar Jahre länger reisen .
Dann liefen wir am Theater vorbei (eines der kolumbianischen Wunder) auf der Suche nach etwas zum futtern. In einem kleinen Lokal bestellten wir uns ein paar Tamales und eine Tasse Schokolade mit Käse. Tamalas ist ein gefüllter Maisbrei der eingeschlagen in Bananenblätter gegart wird. Die Füllung ist oft Huhn mit Gemüse, kann aber auch Schwein oder vegetarisch mit Ei sein. Die Eigenart Käse zur heißen Schokolade gereicht zu bekommen ist in einigen Regionen in Kolumbien verbreitet. Die Einheimischen schmeißen den milden Weichkäse direkt in die Tasse und warten dass er Fäden zieht. Der Weichkäse ist schon keine Gaumenfreude und warum er die gute Schoko verschandeln soll ist uns ein Rätsel. Nö nicht unser Ding. Aber Käse wird in Kolumbien großgeschrieben und wenn wir beim Bäcker nach Brot fragten, bekamen wir immer freudestrahlend alle aufgezählt und ALLE enthielten Käse. Die Enttäuschung war stets groß wenn unsere Antwort lautete: Es tut uns leid, aber wir suchen ein Brot ohne Käse.
Am Nachmittag besuchten wir das weniger überzeugende Nationalmuseum und kamen pünktlich zum Regen wieder heraus. Wir ab in die nächste Bushaltestelle und zurück zu Pancho. Es regnete für Stunden und wir blieben lieber im Trockenen und kochten.











Es war Montag und wir um 7 Uhr startklar den Platz vor der Uni zu verlassen. Der Sicherheitsbeamte trippelte schon vor unserer Tür und war froh uns entschwinden zu sehen. Es folgte eine Odyssee über 5 Stunden. Wir kreiselten quer durch Bogotá und fragten bei der Polizei und an Tankstellen nach. Jeder wusste irgendwo einen Platz, aber wir fanden keinen. Wir fragten bei einem Krankenhaus nach und die versuchten alles und erlaubten uns hinter ihrem Gebäude, neben der Wäscherei, für die Nacht zu parken. Allein dort brauchten wir eine Stunde und mussten dann resigniert weiterfahren, da wir schließlich für den Moment einen Stellplatz brauchten und nicht erst für die Nacht. Wir fragten an zwei Einkaufszentren. Die einen warteten auf einen Rückruf vom Chef und wir nach 20 Minuten nicht mehr und die anderen ließen uns nicht ein. Selbst mit den Argumenten einkaufen zu gehen, die Parkgebühr zahlen zu wollen hieß es nein. Hallo was sollten wir noch tun?
Als der Hunger kam und die Laune am Fahrerboden klebte sagten wir dem Zentrum Lebewohl. Wir fuhren wieder 100 Straßen nach Norden (benötigten dieses Mal nur 45 Minuten) und versuchten eine Straße mit Outdoor-Läden zu finden. Laut Internet gab es geballt 4 Shops die alle Wanderschuhe, Regenjacken und alles für die sportliche Betätigung im Grünen hatten. Das Viertel sah sehr gepflegt aus und wahrscheinlich war wegen den vielen kleinen Boutiquen und Restaurants es in dieser Straße auf 400 Metern erlaubt zu parken. Wir ließen uns nicht zweimal bitten und fragten im ersten Geschäft nach ob wir wirklich stehen bleiben konnten. Angeblich ja.
Unterm Strich kaufte ich mir zwei Paar wasserdichte Wanderschuhe und eine Regenjacke, nach dem meine sich zerlegt hatte. Wir gingen im großen Supermarkt einkaufen hielten uns aber zurück, da die Preise gepfeffert waren. Am Abend gingen wir noch in eine Kneipe und hakten das Kapitel Bogotá ab.





Es war nicht zu glauben, aber wenn man über die Bergflanke fuhr die direkt am Stadtkern steil nach oben ging erreichte man nach nur 4 Kilometer den Scheitelpunkt und dahinter tat sich eine Welt aus Farmen und Wiesen auf. Alles war friedlich und grün. Die Luft war auf gut 3.000 m herrlich frisch und es war kaum Verkehr auf der Straße. Luftlinie waren wir nur einen Kilometer von einer Millionenmetropole entfernt, 4 km per Straße und krasser hätte der Wechsel nicht sein können. Die Hauptstadt verläuft wirklich nur im Andental. Wegen einiger Baustellen kamen wir nur langsam voran, erreichten das schöne weiße Bergdorf Guatavita aber am Nachmittag. Es lag malerisch an einem großen Stausee, aber die Geschichte des Ortes war weniger rosig. Ich glaube es war 1964 als das alte Guatavita evakuiert wurde, als der Staudamm in Betrieb genommen wurde. Das koloniale Dorf verschwand komplett im heutigen See, der notwendig wurde um die Energieversorgung Bogotás zu decken. Das neue Guatavita entstand. Trotzdem erweckte das ruhige Dörfchen nicht den Eindruck erst 50 Jahre alt zu sein. Wir spazierten durch die Straßen, spickten in die Stierkampfarena und entspannten in der Sonne bei einem Schluck Kaffee mit Kuchen. Dann fuhren wir 1,5 km zurück und parkten an einem schönen Aussichtspunkt. Das ist reisen!






Früh am Morgen ging es zurück ins Dorf und in eine Seitenstraße. Dort ließen wir Pancho stehen und begaben uns auf eine super Wanderung über Kuhweiden (Simone machte Bekanntschaft mit einem Elektrozaun ) und durch Felder. Wir liefen um den Hausberg herum, durch unzählige Wildblumen und bestiegen den Cerro Montecillo auf 3.132 m. Von dort hatten wir eine spektakuläre Sicht über Guatavita und den See. Um 13 Uhr waren wir wieder zurück, mampften etwas und liefen anschließend zum Stausee hinunter. Kaffee und Kuchen zur Belohnung gabs hinterher. Ab zum Aussichtspunkt und relaxen.






Die Straße führte um den Stausee herum und wir folgten ihr dann weiter, wieder ins Tal. Kaum dort angelangt befanden wir uns abermals in den Vororten von Bogotá. In Chiá, einer dieser Orte, hielten wir an einem billigen großen Markt und stockten unseren Kühlschrank bis zum Anschlag auf.
Wir verließen Bogotá und weinten der Stadt keine Träne nach. Die nächsten Stunden verbrachten wir fahrend und steuerten ein winziges Nest an. Davon aber nächstes Mal.

Dem Parkplatzwahn entronnen,
die Flüchtenden